Autopoetischer Tourismus

Autopoetischer Tourismus

Jost Krippendorf hat im fernen Jahre 1984 das Buch "Reisende Menschheit - für eine neue Auffassung der Freizeit" geschrieben, in dem er sowohl den Massentourismus als auch den alternativen Tourismus kritisiert und dazu aufruft, den Tourismus in eine andere Richtung zu lenken, damit die geplante Freizeit den Weg zu einer eigenen Selbstaktualisierung ebnet, beziehungsweise damit der Mensch, nachdem er die ersten 4 Bedürfnisse nach Maslow (Existenz, Sicherheit, Genuss, Prestige) befriedigt hat, während dem Urlaub nach dem fünften Bedürfnis trachtet - nach der Verwirklichung der eigenen Persönlichkeit (Selbstaktualisierung).

Jost Krippendorf beschreibt dies als Weg von der Zufriedenheit im Bauch zur Zufriedenheit im Gehirn. Er ist sich darüber bewusst, dass die Zahl der passiven und desinteressierten Touristen viel größer ist als die Zahl der Touristen, die sich der Probleme bewusst sind, aber dass andererseits auch die Bereitschaft der Menschen für andersartige Reisen und einen anderen Urlaub immer mehr zunimmt.
Jedoch stellt dieses Buch nur den Anfang dieses theoretischen Zugangs dar. Der Tourismus bleibt auch weiterhin im Massentourismus und im alternativen Tourismus versunken, außer dass der Markt, auf dem starke Konkurrenz besteht, immer luxuriösere Hotels, immer exotischere Reisen und immer verrückteren Spaß anbietet.   Die Menschen leben in einer immer größeren Hektik. Deshalb sind für uns nicht nur Straßen zu eng geworden, sondern auch das Meer und der Himmel.

Reisen wird zum Imperativ der Zeit, zur Flucht aus dem Alltag, wobei sich der Mensch nicht darüber bewusst ist, dass er nicht vor sich selbst fliehen kann. Deshalb schlussfolgert Krippendorf: "Nur wenn der Mensch es schafft, den Tourismus zu bewältigen, wenn er es schafft, im Rahmen dieser Massenerscheinung und dieser Massenexistenz Ansätze für Individualisierung und Humanisierung zu realisieren, wird er einen entscheidenden Schritt schaffen". Seiner Meinung nach wird zuerst eine anspruchsvolle Minderheit nach Möglichkeiten besserer Reisen suchen.

Diese andere Auffassung der Freizeit wird also zuerst von einer anspruchsvollen Minderheit getestet, die auch dazu bereit ist, einen anderen Urlaub zu verbringen, eine "Reise in sich selbst" zu unternehmen.

Jeder entscheidet selbst über seine Freizeit, und somit auch darüber, ob er bereit ist für so einen Weg.

Was sollte man tun?

Zuerst sollte man auf das Problem aufmerksam machen. Dafür ist eigene Aktivität gefragt, das heißt, es ist notwendig, eine eigene Entscheidung zu treffen. Man muss zu sich selbst sagen: Ich will daran teilhaben, ich will nicht, dass jemand anders meinen Urlaub kreiert. Das werde ich selber tun. Was luxuriös ist, was in ist, was erfolgreich in Werbungen angeboten wird, muss nicht auch das Beste sein, denn ich weiß, was ich will und was für mich das Beste ist. Ich will nicht passiv sein, ich will aktiv sein. Ich will Dinge erkunden, ich will meiner Phantasie freien Lauf geben. Ich bevorzuge Selbstorganisation vor Organisation. Ich will etwas Neues, und nicht etwas, was ein "Cliche" ist. Ich will kein Produkt vom Fließband, sondern eigene Handarbeit. Ich will lernen und meine Neugierde stillen. Ich will soziale Kontakte, Beisammensein, aber ich will auch entspannen, allein sein, meditieren. Ich suche Spiel, damit das Kind in mir lebendig bleibt. Ich will mich meinen Kindern und meiner Familie widmen. Ich will öfter an einem Ort Urlaub machen, an dem ich mich gut fühle, den meine Freunde besuchen, an dem ich den Gastgeber schätze, an dem ich Freunde aus der einheimischen Bevölkerung habe.

Wenn Sie die Mehrheit der genannten Dinge wünschen, dann sind Sie ein Mensch, der durch seine Teilnahme zum autopoetischen Tourismus anregen kann. Denn dies ist der Bereich Ihrer eigenen Freiheit, die an jedem einzelnen Menschen gemessen wird, die ausschließlich individuell ist. Das ist Ihr eigener Urlaub, in dem Sie nicht nur die "Batterien auffüllen" werden, nicht nur neue Lebensenergie gewinnen werden, sondern in dem sie sich selbst aktualisieren und ihren Geist stärken werden.

So wird ihr Urlaub zu einem autopoetischen Urlaub, zum Lied, das sie selber schreiben.
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